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Liturgische Feier zum Sonntag Invokavit

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Amen.

 

Wochenspruch

»Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.«

(1Joh 3,8)

 

Aus dem 91. Psalm

1Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt

und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt,

2der spricht zu dem Herrn: /

Meine Zuversicht und meine Burg,

mein Gott, auf den ich hoffe.

3Denn er errettet dich vom Strick des Jägers

und von der verderblichen Pest.

4Er wird dich mit seinen Fittichen decken, /

und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln.

Seine Wahrheit ist Schirm und Schild,

5dass du nicht erschrecken musst vor dem Grauen der Nacht,

vor dem Pfeil, der des Tages fliegt,

6vor der Pest, die im Finstern schleicht,

vor der Seuche, die am Mittag Verderben bringt.

9Denn der Herr ist deine Zuversicht,

der Höchste ist deine Zuflucht.

10Es wird dir kein Übel begegnen,

und keine Plage wird sich deinem Hause nahen.

11Denn er hat seinen Engeln befohlen,

dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen,

12dass sie dich auf den Händen tragen

und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.

 

Kyrie‐Ruf

Herr Jesus Christus, du bist vom Vater gekommen, die gefallene Welt zu erlösen – wir beten dich an: Kyrie eleison

Du bist ohne Sünde und trägst unsere Schuld, du bist Gottes Sohn und stellst dich an unsere Seite – wir beten dich an: Christe eleison

Durch deine Hingabe öffnest du uns den Weg zum Leben – wir beten dich an: Kyrie eleison

 

Tagesgebet

Herr Gott, himmlischer Vater,

Du hast Deinen Sohn in die Welt gesandt, dass er des Satans Tyrannei breche. Wir bitten dich: Erhalte uns in aller Anfechtung, dass wir in seiner Kraft dem Feinde Widerstand leisten, ihn durch Dein Wort von uns treiben und den Sieg über ihn davontragen durch ihn, unseren Herrn Jesus Christus, der mit Dir in der Einheit des Heiligen Geistes lebt und herrscht von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

Graduallied (EG 347)

1) Ach bleib mit deiner Gnade
bei uns, Herr Jesu Christ,
daß uns hinfort nicht schade
des bösen Feindes List.

2) Ach bleib mit deinem Worte
bei uns, Erlöser wert,
daß uns sei hier und dorte
dein Güt und Heil beschert.

3) Ach bleib mit deinem Glanze
bei uns, du wertes Licht;
dein Wahrheit uns umschanze,
damit wir irren nicht.

 

Evangelium

Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus:

Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde. Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. Und der Versucher trat herzu und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden. Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben (5. Mose 8,3): »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.«

Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben (Ps 91,11-12): »Er wird seinen Engeln für dich Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.« Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben (5. Mose 6,16): »Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.«

Wiederum führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben (5. Mose 6,13): »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.« Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel herzu und dienten ihm.

(Mt 4, 1‐11)

 

EG 347, 4‐6

4) Ach bleib mit deinem Segen
bei uns, du reicher Herr;
dein Gnad und alls Vermögen
in uns reichlich vermehr.

5) Ach bleib mit deinem Schutze
bei uns, du starker Held,
daß uns der Feind nicht trutze
noch fäll die böse Welt.

6) Ach bleib mit deiner Treue
bei uns, mein Herr und Gott;
Beständigkeit verleihe,
hilf uns aus aller Not.

 

Predigtwort aus dem Evangelium nach Johannes

(Joh 13, 21‐30):

Als Jesus das gesagt hatte, wurde er erregt im Geist und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete. Es war aber einer unter seinen Jüngern, der zu Tische lag an der Brust Jesu, den hatte Jesus lieb. Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete. Da lehnte der sich an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist’s? Jesus antwortete: Der ist’s, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn. Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald! Niemand am Tisch aber wusste, wozu er ihm das sagte. Denn einige meinten, weil Judas den Beutel hatte, spräche Jesus zu ihm: Kaufe, was wir zum Fest nötig haben!, oder dass er den Armen etwas geben sollte. Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht.

 

Ein Denkanstoß zum Predigtwort

»Und es war Nacht.« Bedeutungsschwer endet der heutige Predigttext. Und es beginnt die Schilderung einer der unverständlichsten Taten der Bibel: Der Verrat des Judas. Einer der engsten Vertrauten Jesu lässt sich zur Abtrünnigkeit verführen. Verraten und verkauft wird der noch eben gefeierte Hoffnungsbringer vom eigenen Gefolgsmann. Der Leidensweg nach Golgatha wird von den Evangelisten mit einer Szene angereichert, die jegliche Tragik der Passion noch ins Unermessliche zu steigern vermag: Der Verrat als ein Hinausgestoßenwerden aus allen menschlichen Bindungen. Letztlich allein gelassen wird Jesus wenig später seinen Widersachern ausgeliefert. Die wahren Motive der Abkehr bleiben in jener Nacht im Dunkel verborgen.

In allen Evangelien wird der Verräter selbst, Judas Iskariot, negativ gezeichnet. Und wird so in einen Gegensatz eingereiht, der das gesamte Johannesevangelium bestimmt: Licht und Finsternis, Rein und Unrein, Gerechte und Ungerechte, Glaubende und Ungläubige. In diesem Gegensatz ist Jesus die Lichtgestalt und Judas der Finsterling, das Symbol des Mensch gewordenen Teufels. Ob er überhaupt die fatalen Konsequenzen seines Handelns absehen konnte, bleibt verborgen. Aber der Blick der vom Tode getrübten Augen des Gekreuzigten ist für den Verräter schließlich nicht mehr auszuhalten. Er will das Geld an den hohepriesterlichen Anstifter zurückgeben. Allerdings gilt für den Übergelaufenen auch das altbekannte Diktum, dass der Verrat geliebt wird, der Verräter hingegen wird der Verachtung preisgegeben. Der Hohepriester nimmt den Judaslohn nicht mehr an. Die Geschichte nimmt eine tragische Wendung: Die Tat ist nicht mehr rückgängig zu machen, die Verzweiflung nicht mehr auszuhalten, Judas Iskariot nimmt sich das Leben; er erhängt sich.

In der Alten Kirche wurde der Tod des Judas genüsslich und abschreckend ausgemalt. Dabei ereilt ihm schlechthin der Fluch jedes geplagten Gewissens: Ein Fluchtreflex, das Ausweichen vor der eigenen Schuld. Man kann nicht von sich selbst weglaufen, sagt eine Volksweisheit. Was bleibt, ist eine ungeahnte Hoffnungslosigkeit, die Judas in die Selbsttötung treibt. Die Geschichte endet mit einer an sich selbst zerbrochenen Existenz. »Und es war Nacht.« Als Judas in die Nacht hinausging, hat er nicht nur seinen Herrn verraten. Er beging Verrat an sich selbst.

 

Fürbitten

Gott, Herr des Lebens. Wir alle stehen in der Gefahr, den Versuchungen, in die wir geführt werden, zu erliegen, und können uns nicht sicher sein, ihnen zu widerstehen. Auch dein Sohn wurde versucht – in der Verlassenheit und Hitze der Wüste, durch Hunger über vierzig Tage, auf der hohen Zinne des Tempels, auf dem Berg mit der grenzenlosen Aussicht. Wir danken dir, dass er widerstanden und die Versuchungen des Bösen überwunden hat. Wir rufen:

Herr, erbarme dich.

Wir bitten dich: Bewahre uns vor solchen Versuchungen. Bewahre die Hungernden vor Erniedrigung, die Satten aber vor Gleichgültigkeit. Bewahre die politisch Wirkenden vor der Lust an der Macht. Bewahre die Kirche vor der Versuchung, sein zu wollen wie du, Gott. Wir rufen:

Herr, erbarme dich.

Zu Beginn dieser Zeit der Passion zeige uns neu den Sinn des Leidens, das Christus auf sich genommen hat. Wie er im Verzicht auf Stärke deine Ehre bezeugt hat, so bitten wir heute besonders für die, deren Ehre verletzt wird: die Armen und Entrechteten, die Denunzierte und Diffamierten, deren Elend öffentlich breitgetreten wird, deren Leid dazu dient, die Schuld anderer zu vertuschen. Wir rufen:

Herr, erbarme dich.

Hilf uns schuldig gewordene Menschen anzusehen im Licht deiner Vergebung. Gib, dass wir Leidende nicht nur bedauern, sondern zu erkennen suchen, wo wir Schuld tragen an ihrem Elend. Lass nicht zu, dass wir profitieren von den Schwächen der anderen. Wir rufen:

Herr, erbarme dich.

Lass uns dir allein dienen und nur dich anbeten. Hilf, unser Können und Vermögen einzusetzen zum Nutzen der Nächsten. Lehre uns zu verzichten. Lass uns dir folgen, der du dich selbst entäußert hast, Mensch wie wir geworden bist und uns erhoben hast, indem du dich selbst erniedrigt hast. Dafür danken wir dir und rufen:

Herr, erbarme dich.

 

Vater unser

Vater unser im Himmel!
Geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

 

Sendungswort

So seid nun Gott untertan. Widersteht dem Teufel, so flieht er von euch. Naht euch zu Gott, so naht er sich zu euch. Demütigt euch vor dem Herrn, so wird er euch erhöhen.

(Jak 4,  7‐8a.10)

 

 

Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen.

 

von Alexander Proksch

 

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Hausgebet für den Sonntag Estomihi

Ich entzünde eine Kerze und werde still.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes

und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Gemeinsam feiern wir Gottesdienst

zuhause an unseren Tischen und versammelt in der Kirche. Wir bitten:

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus Und die Liebe Gottes

Und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

Amen.

 

Lied: Liebster Jesu, wir sind hier (EG 161)

Text: Tobias Clausnitzer 1663; Melodie: Johann Rudolf Ahle 1664, bei Wolfgang Carl Briegel 1687 

1.Liebster Jesu, wir sind hier, / dich und dein Wort anzu- hören; / lenke Sinnen und Begier / auf die süßen Him- melslehren, / dass die Herzen von der Erden / ganz zu dir gezogen werden.
2.Unser Wissen und Verstand / ist mit Finsternis verhül- let, / wo nicht deines Geistes Hand / uns mit hellem Licht erfüllet; / Gutes denken, tun und dichten / musst du selbst in uns verrichten.
3.O du Glanz der Herrlichkeit, / Licht vom Licht, aus Gott geboren: / mach uns allesamt bereit, / öffne Herzen, Mund und Ohren; / unser Bitten, Flehn und Singen / lass, Herr Jesu, wohl gelingen.

 

Wochenspruch

Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles voll- endet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.

(Lukas 18, 31)

 

Psalm 31

Herr, auf dich traue ich,

lass mich nimmermehr zuschanden werden, errette mich durch deine Gerechtigkeit!

Neige deine Ohren zu mir, hilf mir eilends!

Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir hel- fest!

Denn du bist mein Fels und meine Burg,

und um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen.

Du wollest mich aus dem Netze ziehen, das sie mir heimlich stellten;

denn du bist meine Stärke.

In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott.

Ich freue mich und bin fröhlich über deine Güte, dass du mein Elend ansiehst

und kennst die Not meiner Seele

und übergibst mich nicht in die Hände des Feindes; du stellst meine Füße auf weiten Raum.

Ich aber, Herr, hoffe auf dich und spreche: Du bist mein Gott!

Meine Zeit steht in deinen Händen.

Errette mich von der Hand meiner Feinde und von denen, die mich verfolgen.

Lass leuchten dein Antlitz über deinem Knecht; hilf mir durch deine Güte!

Ich sprach wohl in meinem Zagen: Ich bin von deinen Augen verstoßen.

Doch du hörtest die Stimme meines Flehens, als ich zu dir schrie.

Seid getrost und unverzagt alle, die ihr des Herrn harret!

Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist. Wie es war im Anfang so auch jetzt und alle Zeit und in Ewig- keit. Amen

 

Kyrie

Grüßen wir den Herrn in unserer Mitte.

Herr Jesus Christus, Du bist den Weg der Liebe gegangen bis ans Kreuz. Du rufst uns, Dir zu folgen; — wir beten Dich an:

Kyrie eleison

Vor dem Leiden bist Du nicht zurückgewichen. In allem Schweren stehst Du uns zur Seite; — wir beten Dich an:

Christe eleison

Du hast Dich hingegeben für das Leben und das Heil der Welt und rufst uns in Deinen Dienst; — wir beten Dich an:

Kyrie eleison

 

Tagesgebet

Lasst uns still werden vor Gott, der alle unsere Wege prüft

– Stille –

Ewiger, unser Gott. Du hast deinen Sohn den Weg nach Jeru- salem gehen lassen bis in Leiden und Tod hinein. Doch so of- fenbarst du der Welt deine Liebe. Wir bitten dich: Mach uns ganz frei, dass wir deine Wege erkennen und sie selbst zu ge- hen wagen, entzündet von der Liebe, die uns alles nehmen und geben lässt, durch ihn Christus, unsern Bruder und Herrn.

 

Predigttext

1Rufe laut, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden! 2Sie suchen mich täglich und wollen gerne meine Wege wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Got- tes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie wol- len, dass Gott ihnen nahe sei. 3»Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst’s nicht wissen?«

Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäf- ten nach und bedrückt alle eure Arbeiter. 4Siehe, wenn ihr fas- tet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll. 5Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit oder sei- nen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der Herr Wohlgefallen hat?

6Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! 7Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! 8Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herr- lichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen. 9Dann wirst du rufen und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

(Jesaja 58, 1-9a)

 

Hallelujavers

Halleluja.

Ich freue mich und bin fröhlich über deine Güte, dass du mein Elend ansiehst

und kennst die Not meiner Seele. Halleluja.

 

Lied: Liebe, die du mich zum Bilde (EG 401)

Text: Johann Scheffler 1657; Str. 4 Frankfurt/Main 1695; Melodie: Komm, o komm, du Geist des Lebens (Nr. 134) 

1.Liebe, die du mich zum Bilde / deiner Gottheit hast gemacht, / Liebe, die du mich so milde / nach dem Fall hast wiederbracht: / Liebe, dir ergeb ich mich, / dein zu bleiben ewiglich.
2.Liebe, die du mich erkoren, / eh ich noch geschaffen war, / Liebe, die du Mensch geboren / und mir gleich wardst ganz und gar: / Liebe, dir ergeb ich mich, / dein zu bleiben ewiglich.
3.Liebe, die für mich gelitten / und gestorben in der Zeit, / Liebe, die mir hat erstritten / ewge Lust und Seligkeit: / Liebe, dir ergeb ich mich, / dein zu bleiben ewiglich.
4.Liebe, die du Kraft und Leben, / Licht und Wahrheit, Geist und Wort, / Liebe, die sich ganz ergeben / mir zum Heil und Seelenhort: / Liebe, dir ergeb ich mich,

/ dein zu bleiben ewiglich.

 

Meditieren  Sie  für  sich  oder  gemeinsam  die  gehörten Worte.

Lesen Sie sich die Worte noch einmal laut vor, die Sie heute besonders berühren.

Lesen Sie dazu vielleicht zuvor das Evangelium noch einmal insgesamt laut vor.

Hören Sie den Worten im Schweigen nach.

 

Teilen Sie miteinander oder schreiben Sie für sich auf, was dieses Wort bei Ihnen heute auslöst und für Sie heute so wichtig ist.

Überlegen Sie, was das daraus für Ihr Handeln und Ihren Alltag folgt.

 

Gedanken und Denkanstöße

Der Prophet waltet seines Amtes: Er sagt den Menschen, wo es lang geht. Schmerzhaft laut und deutlich. Unbequem ist der Prophet. Nervig. Gefährlich – und gefährdet durch seine Bot- schaft.

– Wörtlich übersetzt sind Propheten Menschen, die et- was „gerade heraus“ sagen. Kennen Sie solche Men- schen? Wie reagieren Sie auf Personen, die (privat oder öffentlich) unbequeme Wahrheiten aussprechen?

Dabei geben sich die Leute doch so viel Mühe, um auf Gottes Weg zu gehen. Sie halten die Gesetze ein und quälen sich so- gar noch mehr als nötig, damit sie es Gott recht machen. Es liegt also offenbar nicht am ob, sondern am wie der Bemü- hungen.

Der Prophet macht klar: Es geht um den Geist der Gesetze, um das, was wir tatsächlich füreinander tun, im Alltag – und das ist schon anstrengend genug. Dieser Weg kostet Überwin- dung, Mühe, Geld. Und man macht sich im Zweifel unbeliebt oder lächerlich. Denn die Masse wandern oft anderswo ent- lang, auf bequemeren Pfaden.

Wir stehen heute vor dem Beginn der Passionszeit: Jesus geht den Weg, den der Prophet (und viele andere vor und nach ihm) in Gottes Namen gewiesen hat. Er geht den Weg der Liebe – ganz egal, was die Konsequenzen sind. Dass er für diese Liebe zu den Menschen von den Menschen getötet wird ist schon absehbar. Aber noch nicht das Ende dieses Liebes- weges!

Was motiviert Sie zu Liebestaten im Alltag? Oder an- ders gefragt: Was motiviert Sie zur Nachfolge Jesu?

Woher nimmt Jesus den Mut und die Kraft, diesen Weg zu ge- hen? „Estomihi“ heißt dieser Sonntag, nach dem Wort aus Psalm 31 „Sei mir ein starker Fels“. Jesus, der Gesalbte Gottes, ruht nicht in sich selbst, er ist nicht getrieben von Angst vor Strafe oder einem Helfersyndrom oder schlechtem Gewissen. All das würde nicht tragen. Tragfähig allein ist Gott. Auf die- sem Felsen gründet Jesus, von ihm aus kann er handeln – glaubwürdig und vollmächtig. So glaubwürdig, dass auch wir es immer wieder schaffen, diesen Felsengrund zu spüren. Angst und Scham und Egoismus zu überwinden und den Weg der Liebe ein Stück zu wagen. Taten zu vollbringen, die wir al- lein nicht schaffen könnten.

 

Lesen Sie nun nochmals Psalm 31

 

Apostolisches Glaubensbekenntnis

Ich glaube an Gott,

den Vater, den Allmächtigen,

den Schöpfer des Himmels und der Erde.

Und an Jesus Christus,

seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria,

gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes,

am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel;

er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen,

zu richten die Lebenden und die Toten.

Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden,

Auferstehung der Toten und das ewige Leben.

Amen.

 

Lied: In dir ist Freude (EG 398)

Text: Cyriakus Schneegaß 1598; Melodie und Satz: Giovanni Giacomo Gastoldi 1591; geistlich Erfurt 1598 

1.In dir ist Freude in allem Leide, / o du süßer Jesu Christ! / Durch dich wir haben himmlische Gaben, / du der wahre Heiland bist; / hilfest von Schanden, rettest von Banden. / Wer dir vertrauet, hat wohl gebauet, / wird ewig bleiben. Halleluja. / Zu deiner Güte steht un- ser G’müte, / an dir wir kleben im Tod und Leben; / nichts kann uns scheiden. Halleluja.
2.Wenn wir dich haben, kann uns nicht schaden / Teu- fel, Welt, Sünd oder Tod; / du hast’s in Händen, kannst alles wenden, / wie nur heißen mag die Not. / Drum wir dich ehren, dein Lob vermehren / mit hellem Schalle, freuen uns alle / zu dieser Stunde. Halleluja. / Wir jubilieren und triumphieren, / lieben und loben dein Macht dort droben / mit Herz und Munde. Halle- luja.

 

 

Fürbittengebet

(Der Ruf zwischen den einzelnen  Gebeten  kann  auch  nach EG 608 gesungen werden)

Gott, du Ursprung unserer Wege. Wir beten zu dir, dass wir be- reit und fähig werden, zu hören und in der Gemeinschaft mit Christus zu wachsen. Durchdringe uns mit dem Geist seiner Liebe, dass wir zur Demut finden. lass uns offen werden für das, was gerecht ist. Mach uns treu und zuverlässig und weit- herzig. Wir rufen dich an:

Erleuchte und bewege uns, leite und begleite uns.

Gott, du Kraft unserer Wege. Wir beten zu dir, dass unsere Ge- danken und Wünsche uns nicht trennen von denen, die Liebe nötig haben und ein gutes Wort erhoffen. Wir bitten für die Kir- chen und Gemeinden mit allen, die in ihnen Verantwortung tragen, dass sie willens sind, Jesus zu folgen und ohne Anma- ßung sein Werk fortzuführen. Wir rufen dich an:

Erleuchte und bewege uns, leite und begleite uns.

Gott, du Richtung unserer Wege. Wir beten zu dir für alle, die im öffentlichen Leben beraten und entscheiden; dass sie dich ehren in ihren Absichten; dass sie dem Leben dienen für jetzt und in Zukunft; dass sie den Gefährdungen für unsere Welt entgegentreten. Wir rufen dich an:

Erleuchte und bewege uns, leite und begleite uns.

Gott, du Ziel unserer Wege. Wir beten zu dir für alle, die mit ihren Möglichkeiten an ein Ende gekommen sind; für alle, die alt oder kraftlos wurden; für alle, die sich einsam und verlas- sen sehen. lass sich ihre Tage erfüllen mit Stille und Geborgen- heit, dass Hast, Furcht und Unfrieden überwunden werden durch deine Nähe. Wir rufen dich an:

 

Vaterunser

Vater unser im Himmel Geheiligt werde dein Name, dein Reich komme,

dein Wille geschehe

wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute Und vergib uns unsere Schuld

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich

und die Kraft und die Herrlichkeit In Ewigkeit. Amen.

 

Lied: Herr, wir bitten: Komm und segne uns (EG 607)

Text, Melodie und Satz: Peter Strauch 1978

R.Herr, wir bitten: Komm und segne uns; / lege auf uns deinen Frieden. / Segnend halte Hände über uns. / Rühr uns an mit deiner Kraft.
1.In die Nacht der Welt hast du uns gestellt, / deine Freude auszubreiten. / In der Traurigkeit, mitten in dem Leid / lass uns deine Boten sein. / Herr, wir bit- ten…
2.In die Schuld der Welt hast du uns gestellt, / um ver- gebend zu ertragen, / dass man uns verlacht, uns zu Feinden macht, / dich und deine Kraft verneint. / Herr, wir bitten…
3.In den Streit der Welt hast du uns gestellt, / deinen Frieden zu verkünden, / der nur dort beginnt, wo man, wie ein Kind, / deinem Wort Vertrauen schenkt. / Herr, wir bitten…
4.In das Leid der Welt hast du uns gestellt, / deine Liebe zu bezeugen. / Lass uns Gutes tun und nicht eher ruhn, / bis wir dich im Lichte sehn. / Herr, wir bitten…

 

 

Segen

Gott segne und behüte uns

Er lasse sein Angesicht leuchten über uns Und sei uns gnädig.

Er erhebe sein Angesicht auf uns Und schenke uns Frieden.

So segne und behüte uns

Der gnädige und barmherzige Gott.

Der Vater + der Sohn + und der Heilige Geist + Amen

Pfarrer Dr. Benjamin Härte

 

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Predigt Lk 8,4-15 Sexagesimä III

Liebe Gemeinde!

(1. Der Umgang mit Goftes Wort – das Handwerk der Christen)
Wir wenden uns langsam dem Osterfest zu. Auf dem Weg dahin prüfen wir unseren Glauben
und stellen uns grundlegende Fragen. Heute geht es um das „Wort Goftes“, also um biblische
Worte und ihre Bedeutung für unseren Glauben. Marfin Luther hat es als „Handwerk eines
Christen“ bezeichnet, mit der Bibel und dem Wort Goftes umzugehen. Und so tun wir es in
jedem Goftesdienst. Wir hören biblische Lesungen. Wir hören eine Predigt über ein biblisches
Wort. Wir singen geistliche Lieder, die durchtränkt sind von biblischen Worten und
Bildern. Das ist unser „Handwerk“, das sind unsere „Werkzeuge“. Und jeder Handwerker, der
sich übt im Umgang mit seinen Werkzeugen, wird immer bessere Ergebnisse damit erzielen.
Sicherlich schwingt dabei immer mit die Frage nach den „Ergebnissen“, nach der Wirkung des
Wortes Goftes – das ist ja das eigentlich Interessante. Der Prophet Jesaja richtet uns diesbezüglich
von Goft eine eindeufige Botschaft aus: „Denn gleichwie der Regen und Schnee vom
Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie
fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, so soll das Wort,
das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen,
sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.“ (56,11f) – Unser
heufiges Predigtwort stellt uns hierzu ein Gleichnis Jesu vor Augen. Ich lese aus dem Lukasevangelium
im 8. Kapitel:
4 Als nun eine große Menge beieinander war und sie aus jeder Stadt zu ihm eilten, sprach
er durch ein Gleichnis:
5 Es ging ein Sämann aus zu säen seinen Samen. Und indem er säte, fiel einiges an den Weg
und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen’s auf. 6 Und anderes fiel auf
den Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchfigkeit hafte. 7 Und anderes
fiel miften unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und ersfickten’s. 8 Und anderes
fiel auf das gute Land; und es ging auf und trug hunderffach Frucht. Da er das sagte, rief
er: Wer Ohren hat zu hören, der höre!
9 Es fragten ihn aber seine Jünger, was dies Gleichnis bedeute. 10 Er aber sprach: Euch ist’s
gegeben, zu wissen die Geheimnisse des Reiches Goftes, den andern aber ist’s gegeben in
Gleichnissen, dass sie es sehen und doch nicht sehen und hören und nicht verstehen. 11
Das ist aber das Gleichnis: Der Same ist das Wort Goftes. 12 Die aber an dem Weg, das sind
die, die es hören; danach kommt der Teufel und nimmt das Wort von ihrem Herzen, damit
sie nicht glauben und selig werden. 13 Die aber auf dem Fels sind die: Wenn sie es hören,
nehmen sie das Wort mit Freuden an. Sie haben aber keine Wurzel; eine Zeit lang glauben
sie, und zu der Zeit der Anfechtung fallen sie ab. 14 Was aber unter die Dornen fiel, sind
die, die es hören und gehen hin und ersficken unter den Sorgen, dem Reichtum und den
Freuden des Lebens und bringen keine Frucht zur Reife. 15 Das aber auf dem guten Land sind
die, die das Wort hören und behalten in einem feinen, guten Herzen und bringen Frucht in Geduld.
(2. Dreimal vergebliche Mühen und einmal Erfolg)
Man nennt es auch das Gleichnis vom „viererlei Acker“, weil hier viererlei „Bodensorten“ beschrieben
werden: der festgetretene Weg, der felsige Boden, der dornenbewachsene Boden und
das „gute Land“. Dabei zeigt sich, dass die damalige Praxis des Säens recht unbesorgt und großzügig
war. Da fiel eben auch etwas von dem ausgeworfenen Samen auf den Weg oder unters Gestrüpp.
Felsige Bodenanteile waren keine Seltenheit, und man konnte sie eben auch nicht einfach
erkennen. – In der Gleichnisdeutung sind das unter uns Menschen die „Hindernisse“. Predigen
und Bibellesen kann man; wenn jedoch andere Worte, die all das wieder infrage stellen, soviel
mehr Gewicht haben, dann verschwindet es eben wieder leicht, was man von Goft gehört hat. Es
bleibt keine Zeit dafür, es im Herzen zu bewegen, für sich selbst zu bedenken und daraus etwas
auf den weiteren Weg mitzunehmen. Man vergisst schnell. – Wenn man sich irgendwann einmal
kurzfrisfig von Goftes Wort beeindrucken lässt, sich nur am Leichten und Guten und Schönen
orienfiert, nicht bereit ist, auch in schwierigen Zeiten „dranzubleiben“, ja dann kann das auch bald
wieder vorbeisein. Unser Glaube bewährt sich in Anfechtungen, in Zeiten des Zweifels. Es ist eine
Frage der Treue. Gute Freunde gewinnt man auch nicht, wenn man sich beim ersten Streit gleich
wieder abwendet. Menschliche Reife hat etwas mit der „Wurzel“ zu tun, die sich im Boden verankert,
mit der man auch Dürrezeiten zu überstehen vermag. – Und ebenso zeigt sich die Wirksamkeit
eines Glaubens am Umgang mit Sorgen und Ängsten. Wenn ich den Ängsten immerzu den
Vorrang lasse, dann wird kein Gofteswort mich wirklich erreichen können. Denn dazu müsste ich
meinem Vertrauen zu Goft und seiner Botschaft mehr Platz einräumen. Gerade in unserer seltsamen
Pandemiezeit ist nichts leichter, als ständig den Ängsten nachzugeben. Sicherlich, es ist eine
unsichtbare Bedrohung mit Infekfionsgefahr. Und trotzdem ist es ein Unterschied, ob ich dort, wo
nöfig, eine Maske trage und dennoch mich mit Zuversicht bewege, oder ob ich hinter meiner Maske
jeden und alles nur als mögliche Bedrohung wahrnehme. Wieso eigentlich sollte Jesus uns
nicht in diesen Zeiten auch einen „Infekfionsschutz“ verleihen, wo er doch so viele Menschen
sogar geheilt hat … ?
In der Aufzählung kommt zum Schluss das „gute Land“. Hier kommen die ausgeworfenen
Samenkörner zu ihrem Ziel. Hier verbinden sie sich mit der Erde, schlagen Wurzeln und bringen
Frucht, hunderffach. – Der Erzählungsverlauf des Gleichnisses bringt den Eindruck, dass die meiste
Arbeit umsonst sei. Erst im vierten Anlauf gelingt das Eigentliche. Und doch macht die gute Frucht
am Ende alles andere vergessen, und ist offensichtlich ausreichend.
(3. Das Bestellen des Bodens bleibt wichfig!)
Die Wurzeln der Früchte auf dem guten Land haben etwas zu tun mit unserem Vertrauen in Goft
und mit menschlicher Reife. Dazu gehört die Demut der Einsicht, dass wir nicht alles machen können,
dass wir nicht alles „im Griff“ haben, dass das menschliche Leben zerbrechlich und verwundbar
ist, dass wir angewiesen sind auf eine Gnade Goftes. Ohne diese Einsicht keine Frucht. Und
mit dieser Einsicht: Vertrauen in den Segen Goftes, der seit Menschengedenken auf der Erde
wirkt. Grundvertrauen in das Leben, das so fantasfisch eingerichtet ist, dass es schließlich auch
einem Virus Einhalt gebieten wird. Es wäre nicht die erste weltweite Krankheitswelle, die die
Menschheit wieder überwindet.
Und es steckt noch eine Botschaft in diesem Gleichnis. Unsere Arbeit in der Kirche ist nicht vergeblich. Es bleibt auch weiterhin wichfig, den Boden zu bestellen, sich die Mühen des
Arbeitens und Säens zu machen. Es bleibt wichfig, das Wort Goftes verlauten zu lassen, Goftesdienste
zu feiern, sich taufen zu lassen, Bibeln zu drucken, biblische Worte und Geschichten und
Bilder in das menschliche Leben einzubringen und mit ihnen umzugehen, Früchte wachsen zu
lassen und sie zu ernten. Die Kirche ist seit Generafionen von Menschen ein Bestandteil des gesellschaftlichen
Lebens und sie soll es weiterhin bleiben. Unser Jahresrhythmus und alle wichfigen
Feste ranken sich darum – Weihnachten, Ostern, Pfingsten, Erntedank. Es wird darauf ankommen,
dies alles mit Leben zu füllen und nicht allein als Ferienzeiten wahrzunehmen, in denen man Urlaube
plant. Goft hat uns etwas zu sagen und wir sollen es hören. Kirche kann sich nicht erschöpfen
in einer Mitgliedschaft, die man irgendwann einmal – meist durch das Handeln der Eltern –
eingegangen ist und vielleicht später irgendwann als läsfigen „Kostenfaktor“ wieder abschüftelt.
Wir sind eine lebendige Gemeinde aus Menschen, die Goft die Ehre geben. So wachsen die Früchte,
von denen hier die Rede ist. Und diese Früchte kommen ja uns selbst und unserem Lebenslauf
zugute.
Bleiben wir dran, liebe Gemeinde! Bestellen wir das „gute Land“! Es wird sich auch weiterhin
lohnen!

Amen.

Pfarrer Christoph Thiele

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Meditation zum Letzten Sonntag nach Epiphanias

Lesungen des Sonntags:

Alttestamentliche Lesung – Exodus 3, 1-15
Evangelium – Matthäus 17, 1-9
Predigttext – 2Petrus 1, 16-21

 

An einer Gelenkstelle des Kirchenjahres kommen wir heute an: Letzter Sonntag nach Epiphanias – Rückschau auf den Weihnachtsfestkreis, Ausblick auf den Osterfestkreis, das Erzählen, das Erinnern von Leben, Leiden und Sterben unseres Herrn Jesus Christus. Ausdrücklich erzählt wird an diesem Sonntag im Evangelium von der Verklärung Jesu, von einer Herrlichkeit Gottes, die die Jünger sehen auf dem Berg der Verklärung. Gott selbst sehen sie nicht. Sie hören eine Stimme aus der Wolke, die zu ihnen spricht: „Das ist mein lieber Sohn; den sollt ihr hören.“ Es ist dieselbe Stimme, es sind die dieselben Worte, es ist DERSELBE, den sie vernehmen, wie bei der Taufe Jesu. Auch dort wird erzählt, wie der Himmel sich auftut und eine Stimme aus der Wolke spricht: „Das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“

Wie in einem Brennglas vernehmen wir in den Lesungen dieses Sonntags von der Herrlichkeit Gottes; vom Angesicht Gottes; von der Herrlichkeit, die sich sehen lässt. In den Worten des Predigttextes liest sich das so: „Wir haben seine Herrlichkeit mit eigenen Augen gesehen.“

Angesicht Gottes, Herrlichkeit Gottes – wie können wir davon etwas wahrnehmen? Wie lässt sich Gott selbst wahrnehmen? Einen entscheidenden Hinweis gibt die alttestamentliche Lesung des Sonntags, die Erzählung von der Begegnung des Mose mit Gott am brennenden Dornbusch. Die Erzählung von der Selbstoffenbarung Gottes. Dieser Gott hat keinen Namen wie Müller oder Meier, sondern ein Handeln, ein Versprechen, das ist sein Name: „Ich bin der ich bin da“. So unterschiedlich wie sich diese Worte übersetzen lassen, bleibt doch die zentrale Aussage: „Ich bin da für euch.“ In der Situation der Israeliten, die als Sklaven in Ägypten leben müssen: „Ich habe das Elend meines Volkes gesehen… ich will euch aus diesem Land herausführen.“

Ein Gott, der von sich sagt: „Ich bin der ich bin da“ – für Mose, für die Israeliten wie später für die Jünger Jesu, die auf dem Berg der Verklärung bezeugen „wir haben seine Herrlichkeit mit eigenen Augen gesehen“, wie auch für Generationen nach ihnen und letztlich für uns heute bleibt das wundersam, ja, wunderbar. Gott lässt sich erfahren. Er geht hinein in unser menschliches Schicksal. Verspricht, dass er mitgeht; dass er mitträgt an dem, was schwer zu tragen ist; dass er begleitet; dass er nicht allein lässt.

Könnte das auch in unserer erfahrenen Bedrängnis durch ein Virus ein großes Zeichen des Vertrauens sein, das Gott setzt: „Ich bin da für euch. So viel Finsternis um euch herum sein mag.“?

Der Verfasser des 2. Petrusbriefes schreibt: „Achtet auf das Wort, das wir euch sagen als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen.“ Achtet darauf! Auf das Licht, das aufscheint.

Gott lässt sich wahrnehmen – nicht nach unserem eigenen Wollen und Bemühen, sondern nach seiner Verheißung. Gott selbst offenbart sich, wann und wo er will; der Geist Gottes lässt uns das erfahren und erleben. Wir können eine Gottesbegegnung nicht erzwingen. Wir können nicht herstellen, dass Gott sich uns offenbart. Aber wir können ihn darum bitten, dass er kommt, dass er uns erscheint und wir seine Nähe, seine Hilfe, seine Gegenwart erfahren.

Dunkle Momente im eigenen Leben, die kennen wir und die erleben wir immer wieder. Und aktuell wünschen wir uns, dass die Schatten der Dunkelheit weichen, dass der Tag anbricht – der Tag nach Corona; der Tag nach drastischen Einschränkungen, die uns das Leben wirklich schwer machen. Wir ersehnen, dass die Dunkelheit weicht und wir Licht sehen können.

Gott selbst wird sich uns zu erkennen geben – in der Person, im Handeln, im Leben, Leiden, Sterben und Auferstehen seines Sohnes Jesus Christus zeigt Gott bis heute, wie er für die Welt da ist: dass er bis in die letzten Tiefen der Dunkelheit selbst hineingeht und hinabsteigt, um von neuem das Licht zu bringen, das Licht der Welt zu sein, das jede Finsternis umstrahlt und hell macht.

Vielleicht können wir das für die neue Woche und die länger noch vor uns liegende Zeit dunkler Schatten mitnehmen: Es wird nicht immer dunkel sein. Der Tag wird anbrechen. Der Morgenstern, Christus selbst, wird aufgehen über uns. Es gilt, dass wir ihn wahrnehmen in unserem Leben und dass wir rückblickend auf bestimmte Momente sagen können: „Da habe ich etwas von Gottes Herrlichkeit mit eigenen Augen gesehen. Und dann will ich, vom Heiligen Geist getrieben, in Gottes Auftrag reden.“

„Wenn es Tag wird, fragen wir uns, wo wir Licht zu finden vermögen in diesem niemals endenden Schatten. […] Wenn der Tag kommt, treten wir aus dem Schatten heraus, entflammt und ohne Angst. Die neue Morgendämmerung erblüht, wenn wir sie befreien.“

So sagte es Amanda Gorman bei der Vereidigung des neuen US-Präsidenten Joe Biden am 20. Januar in ihrer weltweit so oft geteilten poetischen Rede. Eine 22jährige junge Amerikanerin, „ein dünnes schwarzes Mädchen, das von Sklaven abstammt und von einer alleinerziehenden Mutter großgezogen wurde“, wie sie sich selbst beschreibt. Sie redet von ihrer Hoffnung, von ihren Träumen, von ihrer Überzeugung, von ihrem Vertrauen. Ihre Worte haben mich sehr bewegt – und bei unserem Predigttext habe ich mich an diese Worte erinnert gefühlt.

Gott selbst wird erscheinen. Wir werden IHN sehen, unverhüllt, mit eigenen Augen. Amanda Gorman sagt es so: „Es gibt immer Licht, wenn wir nur mutig genug sind, es zu sehen. Wenn wir nur mutig genug sind, es zu sein.“

Und ich ergänze: Wenn wir nur offen genug sind, Christus, das Licht der Welt, immer neu in unser Leben zu lassen – damit es hell wird in uns und um uns herum in unserer Welt.

 

Markus Müsebeck, EMB Konvent Oberrhein

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Wort an die Michaelsbruderschaft,Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July

Jahreswechsel, Jahreslosungen
Auf dem Weg von 2020 nach 2021

 

Liebe Michaelsbruderschaft, liebe Geschwister,

ein neues Jahr soll anbrechen. Ich möchte mit Ihnen dem alten an dieser Stelle auch noch einmal nachschauen, bevor ich einen Ausblick wage. Rück- und Ausblick begleiten die Losungen der beiden Jahre, die so wunderbar Hand in Hand gehen. Mögen Sie den Weg vom einen ins andere Jahr gehen unter Gottes Geleit und Segen.

Ihr Dr. h. c. Frank Otfried July
Landesbischof
2020

Ich glaube – hilf meinem Unglauben. Markus 9,24

  

Wenn das Vertrauen nicht mehr trägt…

…so könnte man die Geschichte aus Markus 9 überschreiben, aus der die Jahreslosung für das nun eben vergangene Jahr 2020 stammt. Nicht umsonst wird der Kinderglaube gerühmt. Kindliches Urvertrauen, das sich auch auf den Glauben überträgt. Doch die Jahreslosung 2020 sieht den Glauben in einem anderen Stadium. Hart gebeutelt steht der Vater des kranken Kindes vor Jesus. Mit dem Wanken des Vertrauens in das Leben ist auch sein Glaube an Gott mit ins Wanken geraten.

 

Frage nach Gott

Die Jahreslosung stammt aus diesem Hintergrund, sie könnte treffender nicht gewesen sein. Wo sich die tiefen Wunden zeigen in der geschaffenen Welt, wie es 2020 der Fall war, da bekommt die Zuversicht Risse. Wo das Bitten um Heilung verwehrt wird, wo wir an Totenbetten weinen oder der persönliche Abschied sogar unmöglich geworden ist. Wo trotz Beten und Bemühen die Liebe zerbricht. Wo Menschen gefangen bleiben in sich und durch andere, wo sich die Herren der Knechte nicht erbarmen, die Bösen unbekehrt bleiben und wo der Krieg den Frieden in einem Wimpernschlag zerschmettert… da steigen die Fragen auf: Wo bleibt Gott als starker Helfer? Wo ist der Befreier, wenn wir ihn am nötigsten brauchen?

 

Ein langes Jahr für Glauben und Zweifel

Diese Fragen haben viele auch in diesem Jahr 2020 begleitet. Zermürbende Fragen, ein zermürbendes Jahr. Das Leid und die Widersprüchlichkeit der Welt sehen – und dennoch Glauben, dennoch Vertrauen haben… das war für viele eine Herausforderung. Für uns selbst und sicher auch für viele, die wir seelsorglich zu begleiten hatten. Aus Zweifeln ist für manche längst Verzweiflung geworden. Verzweiflung am Leben – und an dem Gott, der nicht antworten will.

 

Glaube auf niedrigster Flamme

Die Bitte des Mannes aus Markus 9 an Jesus ist ziemlich zurückhaltend. „Wenn du etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns…“ Das ist Glaube auf niedrigster Flamme. Mehr Zweifel als Vertrauen. Jesus nimmt die Hoffnungslosigkeit wahr. Er sieht den leidenden Vater. Spricht ihn auf seinen Glauben an. Mit einem eigentlich unmöglichen Satz: „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ Eine Provokation, angesichts dieser Lebens-, dieser Leidensgeschichte. Die Frage trifft den Vater. Aber nicht als Vorwurf. Eine Sehnsucht wird in ihm angesprochen, die plötzlich in ihm neu erwacht. Glauben können! Vertrauen haben! Hoffen auf Neuanfänge!

„Ich glaube – hilf meinem Unglauben!“ Das ist das ehrlichste Wort, das er hervorbringen kann. Leere Hände, aber geöffnet. Keine Spur selbstzufriedener Glaubensstärke. Kein Funken Gewissheit. Aber ein Meer von Sehnsucht.

 

Der Unglaube, den der Glaube braucht

Glaube, der die Augen nicht verschließt für die Welt, wird mit dem Zweifel ringen. Er bleibt angefochtener Glaube. Die Verheißungen des guten Gottes und die Realität, die anders aussieht, sind es, die da miteinander fechten und streiten. Wer an einen liebenden Gott glaubt, dem kann das Leid in der Welt nicht gleichgültig sein. In Anfechtung gerät der Glaube gerade deshalb, weil er nach Gottes Gegenwart im Leben fragt und mit ihr rechnet.

 

Gott ist zerbrochenen Herzen nah

Unsere Nähe zu Gott hängt nicht an der Unerschütterlichkeit unseres Glaubens. Im Gegenteil – der Psalmbeter hat erfahren: „Der HERR ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind…“ (Ps 34,18). Das ist eine Ermutigung an all die, denen der Kinderglaube abhandengekommen ist, die mit den Elenden mitfühlen und um ihretwillen nicht mehr ungebrochen von Gottes Kraft und Stärke reden können. Die aber dennoch nicht aufhören können sich zu sehnen. Denen ist der nahe, der selber Mensch geworden ist: Jesus Christus. Er selbst hat die Anfechtung erlebt: „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Schmerz und Sehnsucht können den Glauben neu anfeuern. Ja, der Glaube braucht sie beide. Sonst wird er kühl und weltabgewandt.

 

Barmherzigkeit als Mitte des Glaubens

Wenn das Leben, der Glaube so zerbrechlich ist, benötigen wir besonders den liebevollen Blick. Gott – Schöpfer, Bruder, Tröster – schenkt ihn uns. Sieht uns, die wir keine Kinder mehr sind, dennoch mit liebevollem Elternblick an. Denn gerade, wer die Welt mit ihrem Leid und Unrecht ansieht, braucht zum Glauben, Lieben, Hoffen gegen alle Widerstände eine stützende Kraft, eine starke Hand im Rücken. Wer sich angesichts des großen Erdenleids und Unrechts manchmal hilflos, ohnmächtig oder ungenügend fühlt, braucht besondere Barmherzigkeit. Diese Barmherzigkeit finden wir bei Gott, dem „Backofen voller Liebe“. Sie ist das Gegengift gegen Verzweiflung, Apathie und Resignation. Und auch gegen Zynismus, Selbsteinkapselung, fundamentalistische Verkürzungen, wie wir sie heute so oft erleben.

 

Seid barmherzig.

Das soll darum über dem neuen Jahr stehen, das zunächst einmal nicht leichter werden wird als das alte. Seid darum barmherzig – zu euch selbst. Lasst Gottes Liebe eure Wunden heilen. Schenkt euch Zeit zum Krafttanken.

Seid dann auch barmherzig – zueinander als Geschwister im Glauben. Überfordert euch nicht mit unmenschlichen Ansprüchen.

Und seid barmherzig – mit Menschen, die mit dem Glauben an einen guten Gott immer weniger anfangen können. Seht ihre Verwundbarkeit, ihren Schmerz. Gebt etwas von dem weiter, was euch selber wärmt.

Weil Gott, euer Vater, barmherzig mit euch ist.

Darum könnt ihr es auch sein. Barmherzigkeit ist ein Luxus in unseren Zeiten, wo Schuldzuweisungen, Perfektionsansprüche und Größenwahn Menschen in die Erschöpfung treiben. Barmherzigkeit ist eine wohltuende Insel, die Erschöpften Rückzug bietet. Mögen unsere Gottesdienste, unsere Liturgien, unser Singen und Beten etwas davon ausstrahlen – von der Warmherzigkeit Gottes, die in unserer Mitte steht wie Luthers Backofen und uns alle belebt, tröstet und erwärmt. Das gebe uns der Heilige Geist, Begleiter in das neue Jahr.

 

 

2021

Jesus Christus spricht:
Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!

Lukas 6,36






Betrachtung zum 3. Sonntag nach Epiphanias

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Ruth und Naomi

Ruth und Naomi

Gebet:

Barmherziger Vater. Du hast Deinen Sohn gesandt als Heiland der Kranken und Retter der Bedrängten. Wir danken Dir und bitten Dich: Lass Seine Kraft in unseren Tagen wirksam sein, damit wir in Ängsten und Nöten Deine Hilfe erfahren. So bitten wir durch Jesus Christus, deinen Sohn, unseren Herrn, der mit Dir in der Einheit des Heiligen Geistes lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Amen.

 

Wochenlied:

Lobt Gott, den Herrn, ihr Heiden all – EG 293

  

Predigttext: Rut 1,1-19a

Zu der Zeit, als die Richter richteten, entstand eine Hungersnot im Lande. Und ein Mann aus Bethlehem in Juda zog aus ins Land der Moabiter, um dort als Fremdling zu wohnen, mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen. Der hieße Elimelech und seine Frau Noomi und seine beiden Söhne Machlon und Kiljon; die waren Efratiter aus Bethlehem in Juda. Und als sie ins Land der Moabiter gekommen waren, bleiben sie dort.

Und Elimelech, Noomis Mann, starb, und sie blieb übrig mit ihren beiden Söhnen. Die nahmen sich moabitische Frauen; die eine hieß Orpa, die andere Rut.

Und als sie ungefähr zehn Jahre dort gewohnt hatten, starben auch die beiden, Machlon und Kiljon. Und die Frau blieb zurück ohne ihre beiden Söhne und ohne ihren Mann.

Da machte sie sich auf mit ihren beiden Schwiegertöchtern und zog aus dem Land der Moabtier wieder zurück; denn sie hatten erfahren im Moabiterland, daß der Herr sich Seines Volkes angenommen und ihnen Brot gegeben hatte. Und sie ging aus von dem Ort, wo sie gewesen war, und ihre beiden Schwiegertöchter mit ihr.

Und als sie unterwegs waren, um ins Land Juda zurückzukehren, sprach sie zu ihren beiden Schwiegertöchtern: Geht hin und kehrt um, eine jede ins Haus ihrer Mutter! Der Herr tue an euch Barmherzigkeit, wie ihr an den Toten und an mir getan habt. Der Herr gebe euch, daß ihr Ruhe findet, eine jede in ihres Mannes Hause! Und sie küsste sie.

Da erhoben sie ihre Stimme und weinten und sprachen zu ihr: Wir wollen mit dir zu deinem Volk gehen. Aber Noomi sprach: Kehrt um, meine Töchter! Warum wollt ihr mit mir gehen? Wie kann ich noch einmal Kinder in meinem Schoße haben, die eure Männer werden könnten? Kehrt um, meine Töchter, und geht hin; denn ich bin nun zu alt, um wieder einem Mann zu gehören. Und wenn ich dächte: Ich habe noch Hoffnung!, und diese Nacht einem Mann gehörte und Söhne gebären würde, wolltet ihr warten, bis sie groß würden? Wolltet ihr euch einschließen und keinem Mann gehören? Nicht doch, meine Töchter! Mein Los ist zu bitter für euch, denn des Herrn Hand hat mich getroffen.

Da erhoben sie ihre Stimmen und weinten noch mehr. Und Orpa küsste ihre Schwiegermutter, Rut aber ließ nicht von ihr. Sie aber sprach: Siehe, deine Schwägerin ist umgekehrt, kehre auch du um, deiner Schwägerin nach. Rut antwortete: Bedränge mich nicht, daß ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbts, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der Herr tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.

Als sie nun sah, daß sie festen Sinnes war, mit ihr zu gehen, ließ sie ab, ihr zuzureden. So gingen die beiden miteinander, bis sie nach Bethlehem kamen.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

Das Buch Rut erzählt uns eine bewegte Geschichte aus der Frühzeit Israels, der Zeit der Richter. Elimelech verläßt mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen während einer Hungersnot seinen Heimatort Bethlehem und zieht ins Land Moab im Osten des Toten Meeres. Die Söhne heiraten Töchter des fremden Landes. Doch nach zehn Jahren sterben Elimelech und seine Söhne. Noomi, seine Witwe, ist damit die Vorsteherin der kleinen Familie. Sie beschließt, nach Bethlehem zurück zu kehren. Doch sie nötigt ihre Schwiegertöchter nicht, gehorsam mit ihr zu ziehen, sondern gibt ihnen die Möglichkeit zu gehen.

Rut, deren Name „Freundin“ bedeutet, möchte sich nicht von ihrer Schwiegermutter trennen. Sie spricht die Worte aus, die sich bis heute Brautpaare für ihre Hochzeit wünschen: „Wo du hingehst, da will auch ich hingehen …“. Ihre Worte sind wie ein Bundesschluß mit ihrer Schwiegermutter, deren Leben sie weiter teilen will.

Sie wird als Fremde nach Bethlehem kommen, eine Frau aus einer anderen Kultur, mit fremdartigem Aussehen. Sie teilt die Not ihrer Schwiegermutter. Sie teilt auch ihren Glauben an den Gott Israels. Durch die geschickte Unterstützung ihrer Schwiegermutter findet sie schließlich in Boas einen Ehemann. Für die biblische Tradition ist die Moabiterin Rut die Urgroßmutter des Königs David und erscheint dadurch auch im Stammbaum Jesu (Mt. 1,5).

Der dritte Sonntag nach dem Epiphaniasfest erzählt uns davon, wie das Evangelium die Völker der Welt erreicht. Der Wochenspruch ist das Wort Jesu: „Es werden kommen von Osten und Westen, von Norden und Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes“. Die Epistel nennt die Frucht des Evangeliums bei Juden und Heiden, Griechen und Nichtgriechen (Röm. 1,13-17). Die alttestamentliche Lesung erzählt von dem Syrer Naaman, der bei dem Propheten Elisa Heilung findet (2. Kö. 5,1-19). Das Evangelium berichtet von dem heidnischen Hauptmann von Kapernaum, dessen Glauben Jesus vor Seinen Zuhörern lobte (Mt. 8,5-15).

Es sind Geschichten von Menschen, die vom Heil ausgeschlossen waren, weil sie nicht zum auserwählten Volk gehörten, weil sie in anderen Traditionen und Religionen aufwuchsen. Es sind Geschichten, die bezeugen, wie Gottes Liebe allen Menschen gilt, wie sie noch weiter reicht, wo wir schon längst unsere Grenzen ziehen wollten. Finden wir Gottes Wege und folgen wir ihnen, wo sie uns zum Obdachlosen und sozial Ausgegrenzten führen? Entdecken wir durch Gottes Liebe Zugänge zu Menschen, die sich in Hass und Vorurteilen verfangen haben, bereit zu einer Tat der Gewalt? Führt uns Gottes vergebende Liebe auch zum Gebet für jene, die unsere Brüder und Schwestern im Glauben mit Gewalt verfolgen und den Namen Christi auf der Erde ausrotten wollen?
Gottes Liebe will erfinderisch machen.

Diese Geschichten können auch den Blick für Menschen weiten, in denen uns Gott begegnen will. Wie Rut aus fremdem Land, wie der Syrer Naaman, wie der römische Hauptmann Cornelius zum Zeichen für Gottes Gnade und Segen wurden, erfahren wir diesen Segen durch Menschen, die unser Leben teilen oder auch nur ein Stück weit mit uns gehen. Vielleicht ohne daß es ihnen bewusst wurde, kann uns doch Gottes Wort durch ihr Reden und Tun ansprechen. Achten wir auf diese Worte, entdecken wir Gottes Handeln selbst da, wo Andere nur Unheil sehen. So schreibt Alfred Delp am 17. November 1944 aus seiner Zelle: „Innerlich habe ich viel mit dem Herrgott zu tun und zu fragen und dran zu geben. Das Eine ist mir so klar und spürbar wie selten: Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen, wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und den bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen. Das gilt … für alles Schöne und auch für das Elend. In allem will Gott Begegnung feiern und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort.“
Gottes Liebe will achtsam machen.

Gottes Liebe gilt dir!                                                                                                                             Amen.

 

 

Fürbitten:

Barmherziger Gott, du hast Jesus von Nazareth gesandt als den Retter aller Menschen. Durch Ihn bitten wir Dich:  Herr, erhöre uns.

Für die Kirchen in aller Welt und unsere Gemeinden: Stärke in den Herzen das Vertrauen zu Dir. Wir rufen zu Dir:  Herr, erhöre uns.

Für die Männer und Frauen, die Macht und Einfluß haben in unserem Land und unter den Völkern: Gib ihnen die Kraft, den Weg zu bereiten für Gerechtigkeit und Frieden. Wir rufen zu Dir:  Herr, erhöre uns.

Für alle, die auf der Suche sind nach Sinn und Erfüllung für ihr Leben: Schenke ihnen den Heiligen Geist, daß sie Deine Nähe und Güte erfahren. Wir rufen zu Dir:   Herr, erhöre uns.

Für die Menschen, die gebeugt sind durch Krankheit und Leid: Richte sie auf durch Deine Kraft. Wir rufen zu Dir:  Herr, erhöre uns.

Für die Brüder und Schwestern, die uns im Glauben vorausgegangen sind: Vollende ihr Leben in Deinem Licht. Wir rufen zu Dir:  Herr, erhöre uns.

Lebendiger Gott, höre unser Gebet; lass uns auf Deinen Sohn schauen und Hilfe erfahren durch Ihn, Christus, unseren Herrn.

Amen.

 

Vater unser …

 

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Amen.

 

 

Aus der Mönchsregel des heiligen Basilius[1]:

  1. Von der Liebe zu Gott

Schweigen wir vom Aufgang der Sonne, von den Mondphasen, den Wandlungen der Witterung, vom Wechsel der Jahreszeiten, von den Wassern, die aus den Wolken herniederströmen, und jenen anderen, die de Erde entquellen, ja vom Meer, von der ganzen Welt, von den Geschöpfen der Erde, der Gewässer und der Luft, von den tausend verschiedenen Tieren und allem, was zum Gebrauch unseres Lebens bestimmt ist. Allein das Folgende können wir, wollten wir es auch, nicht übergehen: niemand, dessen Verstand und Vernunft gesund ist, kann diese Wohltat verschweigen, und noch unmöglicher ist es, sie nach Gebühr zu schildern: die Wohltat nämlich, daß Gott den Menschen nach seinem Bild und seiner Ähnlichkeit erschaffen, ihn seiner Erkenntnis gewürdigt und vor allen lebendigen Wesen mit Vernunft ausgestattet hat, ihn der unaussprechlichen Schönheiten des Paradieses sich erfreuen ließ und zum Herrn aller irdischen Dinge einsetzte; und als der Mensch von der Schlange verführt in die Sünde gefallen war und durch die Sünde in den Tod und das verdiente Elend, verließ Gott ihn auch dann nicht, sondern gab ihm sofort ein gebot zu seiner Hilfe, stellte Engel zu seiner Wache und zu seinem Schutz auf, sandte Propheten zur Widerlegung der Bosheit und zur Lehre der Tugend, hielt den Ansturm des Bösen durch Drohungen nieder, spornte das Verlange nach dem Guten durch die Verheißungen an und zeigte oft das Ende von beidem an verschiedenen Personen zur Warnung der übrigen voraus, und obwohl wir bei all dem im Ungehorsam verharrten, wandte er sich dennoch nicht ab; denn wir sind von der Güte des Herrn nicht verlassen und haben seine Liebe nicht auszulöschen vermocht, obgleich wir den Wohltäter durch Gefühllosigkeit gegenüber seinen Wohltaten hart kränkten; vielmehr sind wir vom Tod zurückgerufen und dem Leben wiedergegeben durch unseren Herrn Jesus Christus.

Hier nun ist die Art der Wohltat noch staunenswürdiger: „Denn da er in Gottes Gestalt war, glaubte er nicht an seiner Gottheit festhalten zu müssen, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an“ (Phil. 2,6f). Er hat unsere Schwachheiten auf sich genommen, unsere Krankheiten getragen und ist für uns verwundet worden, damit wir durch seine Striemen geheilt würden; er hat uns vom Fluch erlöst, indem er für uns zum Fluch wurde und den schmachvollsten Tod erlitt, um uns zum ruhmvollen Leben zurückzuführen. Und es genügte ihm nicht allein, uns, die wir tot waren, wieder zum Leben zu erwecken, er verlieh uns auch die Würde seiner Gottheit und bereitet uns die ewige Ruhe, die das Freudenmaß alles menschlichen Sinnes weit übersteigt. Was nun wollen wir dem Herrn vergelten für alles, was er uns getan hat?  Er ist sogar so gütig, daß er nicht einmal eine Vergeltung fordert, sondern zufrieden ist, wenn er für das, was er uns gegeben hat, nur geliebt wird.

  1. Von der Liebe zum Nächsten

… Daher ist auch das zweite durch das erste zu erfüllen und durch das zweite wiederum zum ersten zurückzukehren; wer den Herrn liebt, der liebt folglich auch den Nächsten. „Denn wer mich liegt“, sagt der Herr, „der wird auch meine Gebote halten“ (Joh. 14,23). „Das aber ist mein Gebot“, sagt er ferner, „daß ihr einander liebet, wie ich euch geliebet habe“ (Joh. 15,12). Und wiederum: wer den Nächsten liebt, der erfüllt auch die Liebe zu Gott, indem Gott diese Wohltat annimmt, als sei sie ihm selbst erwiesen. Daher zeigte auch Moses, der treue Diener Gottes, eine solche Liebe gegen seine Brüder, daß er sogar aus dem Buche Gottes, in welches er geschrieben war, ausgelöscht zu werden verlangte, wenn dem Volk die Sünde nicht vergeben würde (Ex. 32,32). Paulus wagte es sogar Christus zu bitten, anstelle seiner ihm dem Fleische nach verwandten Brüder ausgestoßen zu werden (Röm. 9,3), denn er wollte nach dem Beispiele Christi selbst ein Lösegeld werden zur Rettung aller; zugleich wußte er aber auch, daß derjenige unmöglich von Gott getrennt werden kann, der aus Liebe zu ihm zur Erfüllung des höchsten Gebotes auf die Gnade verzichtet, und eben deswegen viel mehr empfangen wird, als er gegeben hat. Daß sich demnach die Heiligen zu diesem Maße der Nächstenliebe aufgeschwungen haben, dafür ist das Gesagte ein hinlänglicher Beweis.

[1] Hans Urs von Balthasar; Die großen Ordensregeln; Einsiedeln 41980, S. 68-71. 

 

Heiko Wulfert

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Wort zum 2. Sonntag nach Epiphanias

Predigttext: Joh. 2,1-11
Am dritten Tage war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa und die Mutter Jesu war auch da. Jesus aber und Seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen. Und als der Wein ausging, spricht die Mutter zu Ihm: sie haben keinen Wein mehr. Jesus spricht zu ihr: Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was Er euch sagt, das tut. Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maß. Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan. Und Er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt es dem Speisemeister! Und sie brachten es ihm. Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, woher er kam – die Diener aber wussten es, die das Wasser geschöpft hatten -, ruft der Speisemeister den Bräutigam und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie trunken sind, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten. Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat. Es geschah zu Kana in Galiläa, und Er offenbarte Seine Herrlichkeit. Und Seine Jünger glaubten an Ihn.

 

Liebe Leser und Leserinnen,

wie peinlich das ist! Wir feiern Geburtstag. Ich erkundige mich bei demjenigen, der uns den Raum zum Feiern überlässt: „Ist denn noch Bier im Kühlschrank da?“ „Ja, das könnt ihr alles trinken bei Eurer Feier, der Kühlschrank ist gut voll!“ Prima! Weil es ein paar Autofahrer unter den Gästen gibt, besorg ich noch ein alkoholfreies – das mit dem verheißungsvollen Namen ‚fun‘. Der Tag kommt, ich geh an den Kühlschrank, mach ihn auf, um alle Getränke zum Kühlen hineinzuschlichten – gähnende Leere! Wo ist das Bier? O weia: Und jetzt? Ich hab kaum noch Zeit, ‚richtiges‘ Bier zu kaufen! Bleibt nur noch ‚fun‘ und der Wein, von dem genug da ist. – Die Gäste kommen und haben Durst. Einige möchten Bier. „Ja, da hab ich was Besonderes – das ‚fun‘! Prost!“ Ich mach mir selbst eine Flasche auf, da trifft mich der Schlag: Das ist Wasser mit Biergeruch! In dem Moment höre ich auch glatt zwei Gäste tuscheln: „Also das ‚fun‘ macht nicht wirklich ‚fun‘.“ – „Nee, wirklich nicht!“ Lange Gesichter!
Wie peinlich das ist! Ein Fest – und einige lange Gesichter. Sollen die Gäste über dieses Fest einmal nur sagen können: Das war das Fest mit dem faden Bierersatz? Das ist doch ein Horror für jeden Gastgeber. Die Gäste sollen sich wohlfühlen, feiern, sich freuen mit dem Geburtstagskind, gut essen und trinken und das Gefühl haben, dass sie gerne wieder kämen. Ein Fest ist dazu da, dass sich alle näher kommen können. Feste integrieren. Einander fremde Gäste können zu Freunden werden, Familienmitglieder sich nach langer Zeit endlich mal wieder beschnuppern. Die integrierende Kraft dazu ist dies eine Gefühl, ohne dem ein Fest kein Fest ist: die Freude. Ein Fest ohne Freude wird zur Pflichtübung, vielleicht sogar zur schambesetzten Verlegenheit.
Diese Freude steht in Kana auf dem Spiel. Und damit das ganze Fest. Die Hochzeit ist ein Megaereignis sondergleichen. Das ganze Dorf, vielleicht ganze Dörfer sind zusammen, tagelang. Fremde – so wie Jesus und seine Jünger und Maria – sind auch eingeladen, wenn sie gerade da sind. Die ganze Menschengesellschaft, die greifbar ist, soll integriert werden in diese eine Gemeinschaft, die das Wunder der Liebe zwischen zwei Menschen feiert. Teilhaben sollen sie alle daran, dass in Braut und Bräutigam die Liebe erblüht – und in diesen beiden für alle die eigene Sehnsucht nach Liebe und Leben und erfülltem irdischen Glück und Segen auf den Brautstühlen sitzt. Jede Hochzeit fügt uns zu einer Gemeinschaft von Hoffenden zusammen, die sich sehnt danach, dass das Leben im Irdischen sein beglückendes partnerschaftliches Wunder erlebt. Die Freude darüber, dass es hier offenbar geschehen ist, verbindet uns.
Und dann geht der Wein aus! O weia! Natürlich: Man kann auch ohne Alkohol fröhlich sein. Aber mit hat es oft mehr Geschmack (wenn es nicht gerade ‚fun‘ ist) und die Freude wird beschwingter. Es geht aber um noch mehr: Nur das Beste für die Gäste! Wenn Wasser statt der teure Wein eingeschenkt wird, fühlen sich die Gäste wohl billig. Lange Gesichter! „Komm, wir gehen!“ Wie peinlich wäre das für die Brautleute, wenn es im ganzen Landstrich hieße: „Weißt Du noch: Das war die Hochzeit, wo es nix außer Wasser zu trinken gab! Wir waren kurz dort zum Gratulieren und sind dann in unsere Stammkneipe.“
Jesus bewahrt das Brautpaar vor dieser Peinlichkeit. Er verhindert, dass sich Scham und Ärger über das Fest legen. Er rettet die Kraft dieses Festes. Er tut es nicht auf den Hinweis seiner Mutter ‚Jetzt mach mal!‘. Er tut es, wann und wie er es will. Offenbar tut er es so, dass es keiner mitbekommt. Es sind nur die Knechte, die vom Wasser in den Krügen wissen, noch nicht einmal der Speisemeister – so verstehe ich zumindest die Stelle. Also ohne Aufhebens um seine Person sorgt Jesus für Freude. Wie selbstverständlich hält er das Fest des Lebens mit seinen Gästen von innen her aufrecht. Und der Wein fließt hektoliterweise. Der beste!
Der Neutestamentler Klaus Berger sagt, dass die ‚Freude‘ überhaupt der Leitbegriff und das zentrale Gefühl unseres Glaubens sei. Wo Christus ist, da ist Freude. Ich erlebe das, wenn wir Abendmahl feiern und uns zulachen. Ich erlebe das, wenn sich im Trauergespräch mit dem Hinweis auf Christus die Spannung löst. Ich erlebe es, wenn wir in der Gemeinde eine Kuh vom Eis bringen, indem wir beim Weg der Versöhnung bleiben und sich Dinge ereignen, mit denen niemand rechnete.
Mit der Freude in Christus ist nicht der ‚fun‘ gemeint. Alte Ausleger meinen, die Episode in Kana sei nach dem Vorbild griechischer Dionysioskultvorlagen gestaltet. Das denke ich zwar nicht, doch gibt mir der Hinweis ein Stichwort: Im Dionysioskult ging es um Enthemmung, Extase für ein größeres Ziel. Der Welt entschweben oder sich aus ihr herauskatapultieren durch Droge und Rausch! Weil es im römischen Nachfolger, dem Bacchuskult, zu extatisch herging, beschnitt man fast 200 Jahre vor Christus die Festbräuche. Die Freude, die nur sich selbst sucht oder sich zur Extase hochschraubt, kennt eben auch nur sich selbst und nicht mehr den andern. Das ist mal ganz schön – das zerstört aber auf Dauer alles, wenn es keinen geschützten Raum hat. Es erinnert mich an Menschen, die gegen die ‚Freudenberaubung‘ dieser Tage protestieren und geschützte Räume ohne Schutz verlassen: Wen haben sie im Blick?
Ein extatische Fröhlichkeit ist nun unser Problem nicht. Alles, was ins Schwärmerische geht, ist den meisten psychologisch verdächtig. Die bürgerlichen Christen möchten einen gezähmten Glauben. Wir schätzen die stillen Ergriffenheiten. Was ist aber mit einer Kirche, der die Freude nicht mehr abzuspüren wäre daran, dass Christus auferstanden ist? Der die gelebte Wirklichkeit entschwindet, dass uns dieser historische Brennpunkt des ersten Ostertages zu einer Menschengemeinschaft integriert, die das Leben als Lebensfest versteht? Und den Tod vom Leben wirklich verschlungen glaubt, wie es Braut und Bräutigam tun in ihrer innigen Begegnung? Fällt auf, dass die ‚Hochzeit‘ oft als Bild des glaubenden Lebens im Evangelium dient? Könnte ich es auch so sagen: Einer Kirche, der Christus fehlt, fehlt die Freude. Und einer Kirche, der die Freude fehlt, fehlt Christus? Und: Freude ist eines der sicheren Zeichen, dass Christus da ist? Ja!
Dabei geht uns oft genug der Wein aus. Da hilft es wenig, ins Jammern darüber zu verfallen. In Niederlagen nicht, in der Trauer nicht und auch nicht in Krankheit. Ich weiß, wie schön es ist zu jammern, wie entlastend. Ein paar Nächte lang durchweinen tut gut. Ins Jammern verfallen aber rechnet nicht mehr damit, dass Wasser zu Wein werden könnte. Aus solchen Wundern leben wir alle. Diese Episode aus Kana ist uns erzählt, um uns alle zu ermutigen, ja vielleicht sogar den Kopf zurecht zu rücken: Gib den Weg zur Freude nicht auf, wirf Dein Vertrauen nicht weg – Christus sitzt mit am Tisch deines Lebensfestes.

‚Fun‘ gab es übrigens seither nie mehr auf einem Fest bei uns. Amen

 

Andreas Marschella, EMB Konvent Hessen

 

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